Gedenken an die Wiederstandskämpfer des Nationalsozialismus – Rede der SPD

Rede von Philipp M. Christ, stellvertretender Vorsitzender der SPD Osnabrück, zum 76. Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944
(Es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Genossinnen und Genossen,
heute jährt sich zum 76. Mal der Umsturzversuch vom 20. Juli 1944.
Wir erinnern uns an den Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft.
Als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten gedenken wir insbesondere unseren Genossinnen und Genossen, die Widerstand gegen den Nationalsozialismus unter Einsatze ihres Lebens geleistet haben.
Als ehemaliger Schüler des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums bekam ich sehr früh die Gelegenheit, die Umstände und Hintergründe dieses heutigen Gedenktages kennenzulernen und mich mit ihnen auseinanderzusetzen.
Vor 76 Jahren scheiterten Friedrich Olbricht, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, Werner von Haeften und Ludwig Beck und ihre Mitverschwörer, die nationalsozialistische Führung zu stürzen – und bezahlten dafür mit ihrem Leben.
So darf nicht unerwähnt bleiben, dass Graf Stauffenberg das Ende der Weimarer Republik und die Machtergreifung der Nationalsozialisten zunächst begrüßte. Er und die meisten seiner Mitverschwörer konnten sich erst spät zum aktiven Widerstand durchringen.
Der Historiker Heinrich August Winkler beschreibt die Motivation der Kerngruppe des Widerstands vom Sommer 1944 wie folgt: „Die Welt und die kommenden Generationen von Deutschen sollten wissen, dass Hitler nicht Deutschland war, sondern daß es noch ein anderes, ein besseres Deutschland gab.“
76 Jahre nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler gedenken wir deswegen den Männern und Frauen des Widerstands vom 20. Juli 1944 mit größter Hochachtung.
Selbstredend war das Attentat vom 20. Juli 1944 nicht die einzige Geschichte des Widerstands gegen die nationalsozialistische Diktatur.
So mussten der württembergische Schreiner Johannes Georg Elser oder die Geschwister Scholl und viele weitere Menschen für Ihre Überzeugung mit ihrem Leben bezahlen.
Wir denken an den Kreisauer Kreis, Persönlichkeiten wie Carl Friedrich Goerdeler und Julius Leber oder an den Widerstand in den Kirchen und der Arbeiterbewegung.
Sehr geehrte Damen und Herren,
der 20. Juli steht mithin symbolisch für den gesamten Widerstand gegen den Nationalsozialismus.
Seit Beginn war die deutsche Arbeiterbewegung entschiedener Gegner des Nationalsozialismus.
Dabei möchte ich an dieser Stelle ein Datum besonders hervorheben:
Es war der 23. März 1933 an dem Otto Wels zusammen mit der gesamten SPD-Fraktion als einzige gegen das Ermächtigungsgesetz der Nazis stimmten.
Und das, obwohl sie wussten, was das für sie und ihre Familien bedeuten würde.
Der SPD-Reichstagsabgeordnete Wilhelm Hoegner war dabei und erinnerte sich rückblickend, dass diese Rede „ein letzter Gruß an das verblichene Zeitalter der Menschlichkeit und des Menschenrechts“ sei.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten folgte der Abbau der demokratischen Grundstrukturen und das politische Handeln der SPD und weiterer Parteien wurde immer weiter eingeschränkt. Letztlich wurde die Arbeiterbewegung zerschlagen.
Die SPD bekam den Status als eine kriminelle Vereinigung und wurde hier in Osnabrück am 22.06.1933 offiziell verboten.
Trotz zahlreicher Repressalien und der Gefahr für Leib und Leben trafen sich Osnabrücker Sozialdemokraten in Hinterstübchen von Cafés oder Bootshäusern und gaben zu Anfang sogar eine Zeitung heraus.
Sehr geehrte Damen und Herren,
es waren Genossinnen und Genossen wie Gustav Haas, Fritz Szalinsky, Heinrich Groos, Wilhelm Mentrup und Heinrich Niedergesäß die hier vor Ort in Osnabrück weiterhin unter Einsatz ihres Lebens für ein demokratisches und menschliches Deutschland kämpften.
Ihnen und allen Genossinnen und Genossen in der Zeit des Nationalsozialismus gilt unsere tiefe Verbundenheit. Doch was vereint uns heute mit den Frauen und Männern des Widerstandes?
Es ist die Überzeugung an ein besseres – an ein menschliches, gerechtes und demokratisches Deutschland.
Wenn wir die Wiederholung der Schrecken des Faschismus’ verhindern wollen, dann müssen wir als Demokratinnen und Demokraten wachsam sein.
Sehr geehrte Damen und Herren,
in einer Zeit, in der ein Gericht die Bezeichnung eines Politikers als Faschisten offiziell bestätigt, müssen wir wachsamer denn je sein. Faschisten haben in unserer Gesellschaft keinen Platz! Weder damals, noch heute!
Im Jahr 2019 zählte der Verfassungsschutz mehr als 22.300 Straftaten mit rechtsextremistischen Hintergrund. Seit 1990 wurden in Deutschland mindestens 169 Menschen Opfer rechtsextremistisch motivierter Morde. Hanau, Halle, Kassel und die Meldungen zu rechtsextremistischen Terrorzellen sollte uns dafür Mahnung genug sein.
Es steht außer Frage, dass der Rechtsextremismus momentan eine der größten Bedrohungen für Deutschland ist.
Und es darf nicht der Staat alleine dieser Bedrohung begegnen. Letztlich leben die staatlichen Institutionen unseres Rechtsstaates durch das Handeln seiner Bürgerinnen und Bürger.
Jeder von uns kann sein Handeln selbst bestimmen und gestalten. Wir dürfen uns nicht auf dem reinen Text des Grundgesetzes ausruhen. Wir müssen das Grundgesetz tagtäglich mit Leben füllen.
Fragen Sie sich selber: Was ist mein Beitrag für eine menschliche und demokratische Zukunft?

Sehr geehrte Damen und Herren,
Als Demokratinnen und Demokraten haben wir die Pflicht, die Werte und die Ordnung des Grundgesetzes zu schützen. Wir haben die Pflicht, unsere Demokratie gegen jedweden Extremismus, egal ob von links oder von rechts, mit allen verfassungsmäßigen Kräften zu verteidigen.
Deswegen müssen wir uns an Tagen wie heute immer wieder an die Vergangenheit erinnern. Die Vergangenheit wird immer Teil unserer Zukunft bleiben.
Kurt Schumacher sagte, dass „wir alles tun müssen, damit sich die Schrecken der Vergangenheit niemals wiederholen können.“
Vielen Dank.